Die Modellbauwelt Bispingen

Am 1. Juli 2020 wurde →die Modellbauwelt in Bispingen nach Corona-bedingter Terminverschiebung eröffnet. Um es gleich vorwegzunehmen: Eine richtige Modellbahn im eigentlichen Sinne ist das Arragement an der A7 bei Bispingen nicht. Aber seht selbst:

Keine vorbildgerechte Eisenbahn

Eine Modellbahn soll ein Vorbild im Modell zeigen. Leider sind gerade die Eisenbahnelemente in der Modellbauwelt (MBW) eben nicht vorbildgerecht. Die Zuggarnituren sind zum Beispiel bunt gewürfelt: Das →Harzkamel BR 199 fährt durch Ägypten, US-Kurzzüge oder die ÖBB sind in China unterwegs usw.

Das Harzkamel in Ägypten… das kann schonmal passieren. Die Fahrtrichtung stimmt leider auch nicht mit dem Dreilicht-Spitzelsignal überein (Fahrtrichtung nach rechts hinten).

Zudem fahren die Züge nur einfache (wenn auch große) Kreise ab und halten auch nirgendwo: Von vorbildgerechtem Anlagenbetrieb kann keine Rede sein. Man fühlt sich an eine Schaufenster-Bahn in der vorweihnachtlichen Innenstadt erinnert.

Apropos Eisenbahn-Vorbild: Im Kanada-Abschnitt und der Arktis gibt es ein paar DB-Hauptsignale an der Strecke… immerhin! Einige stehen auf rot, andere nicht. Die Signalstellungen können offenbar auch nicht verändert werden und sind immer gleich. Die Zugfahrten beeinflusst das nicht: Die Züge fahren einfach immer weiter.

Ein Wort zur Geräuschkulisse: Neben ein paar Dampf- und E-Loks (ohne Sound?) dröhnen eine gute Handvoll Dieselloks in Dauerschleife durch die Abschnitte… jede davon sehr laut. Und sie klingen alle gleich. Das sorgt für einen sehr eintönigen Geräuschpegel in der gesamten Modellbauwelt, obwohl es auch andere Sounds gibt: zum Beispiel einen süddeutschen Festzug mit einer Blaskapelle, die auch Musik spielt. Man muss aber wissen, dass hier auch ein Sound kommt. Der ist nämlich so leise… man bemerkt ihn fast nicht. Schade.

Viele Gleise müssen her!

Bisher noch gar nicht erwähnt: Der Modellbau-Maßstab der Modellbauwelten ist 1:22,5. Daher wurde für die Modellbahnelemente die beliebte →Spur-G gewählt. Das bedeutet, es wird in aller Regel auf die Gleise und das rollende Material von →LGB und →PiKo zurückgegriffen. Diese sind aber streng genommen nicht maßstäblich: Eigentlich ist die Spurweite von 45mm (Spur G) nämlich in 1:22,5 keine Regelspur, sondern Schmalspur. Trotzdem gibt es ein riesiges Angebot normalspuriger Vorbilder, die für diese “Standard-Schmalspur” angepasst wurden (E 106, V 60 usw.). Wirklich vorbildgerecht ist hier das Fahren von schmalspurigen Vorbildern, wie der →HSB-Dampfloks oder des →”Harzkamels”, was auch →viele Gartenbahner sinnigerweise tun. Doch zurück zu den Modellbauwelten: Hier fährt alles auf 45mm Schmalspur. Wenn das der einzige “Wermutstropfen” wäre, könnte man durchaus damit leben: Zu allem Überfluss aber sieht man oft eine Spur-G “Unart”: Möglichst viele Gleise auf kleinem Raum unterzubringen! Ja, sogar richtig viele Gleise… aber irgendwo hin muss die Weltrekord-Gleislänge ja verteilt werden:

Auszug aus der Website der Ausstellung (3. August 2020): 20km Schienen müssen irgendwie auf dem verfügbaren Raum verteilt werden.

Kein Plan beim Gleisplan

Trotz des großen Platzangebots sind die Gleisradien leider ziemlich klein. Bei diesem verfügbaren Raum ist eigentlich kein Zwang, jede Kurve im 1,5-Meter-Radius zu verlegen. Und dazu – wie ich finde – viel zu kurze Züge! 16 Achsen (8 Wagen) an einer US-Lok sind einfach zu wenig.

Typische Zuglänge: 1-3 Waggons. Die US-Züge (wobei diese fast überall anzutreffen sind, nicht nur im USA-Abschnitt) sind sogar mit bis zu 16 Achsen (8 Waggons) unterwegs… das Dreifache wäre deutlich realistischer.

Die Bahn wirkt gar nicht richtig, trotz der beeindruckenden Größe im “Maßstab G”. Gerade wenn wie hier eigentlich reichlich Platz für lange Züge, großzügige Bahnhöfe und sich schön in die Landschaft einfügende Paradestrecken wäre. Die Gleispläne der Abschnitte in der Modellbauwelt wirken mehr wie eine hochskalierte H0-Fertigplatte aus den Sechzigern: Schienenovale zum ‘im-Kreis-fahren’, gewürzt mit vielen Rampen und Tunneln. Was hätte man mit etwas mehr Liebe und der Beachtung →grundlegender Gestaltungstipps hier alles realisieren können. Daher:

Wer wegen einer Modellbahn (die ein Vorbild im Modell zeigen soll) herkommt, der sollte sich den Besuch gut überlegen.

Die Stärken: Fast alles außer Eisenbahn

Aber lassen wir die Eisenbahn einfach mal kurz beiseite: Gut gelungen sind zum Beispiel die Tempel im Himalaya, der Mount Everest mit den verschiedenen Camps, Sölden oder auch Italien: Gebäude und Landschaft überzeugen deutlich mehr als die Bahn.

Ein bißchen Italien-Feeling. Dieser Abschnitt wirkt recht gut, vielleicht weil hier kaum Gleise zu sehen sind (oder gerade deswegen)
Auch die Winterlandschaft mit nur einem dezenten Bahnhof im Vordergrund (an dem aber kein Zug hält) kann überzeugen; gut gemachte Detailszenen mit Figuren laden zum längeren Betrachten ein.

Figuren-Detailszenen gibt es nicht sehr viele, diese sind aber überwiegend gut gelungen. Als Beispiel seien hier die Marktstände in Afrika genannt oder die Schule in Schottland.

Folgendes habe ich so bisher auch auf keiner Modellbahn gesehen: ein Waldbrand. Eigentlich ist dieser relativ unspektakulär gemacht und eher im Hintergrund plaziert, aber gerade dadurch wirkt er ziemlich realistisch. Gerne mehr davon!

Ebenfalls positiv hervorzuheben sind Tafeln an jedem Abschnitt mit Informationen zum jeweiligen Vorbild-Land (z.b. “Tansania”). Dazu kommen sogenannte “Suchaufgaben”-Tafeln für die kleineren Besucher: das kommt auch ganz ohne elektronische Spielereien gut an und ist mal was anderes als die bekannten “Knopfdruckaktionen” aus der Hamburger Speicherstadt.

“Mad Max”-ähnliche Phantasiewelt. Fahrzeuge und “Gebäude” sind detailliert durchgestaltet. Dazu dann einige Gleise… auf denen man aber einen “Mad Max-Zug” vergeblich sucht

Nur teilweise überzeugend

Leider nicht überzeugen kann der Arktis-Teil. Ein großer, aber nicht sehr detaillierter Eisbrecher ist dargestellt, darüber eine eingleisige Eisenbahn-brücke durch den Himmel (warum nur ???) und alles in “Alpia-Standardweiß”. Immerhin wurden über Island auf einer hinteren Fläche ein paar Nordlichter angedeutet… von sehr viel Liebe und Ideenreichtum zeugen diese Umsetzungen aber nicht. Ebenso gibt es auf dem Arrangement viel Modellwasser: den Ganges in Indien, den Nil in Ägypten, das Mittelmeer, wilde Wasserfälle in Kanada usw. Hier hätte man Gartenbahn-typisch zumindest teilweise mit Echtwasser arbeiten können. Die Ausstellung liegt zwar nicht direkt unter freiem Himmel, muss aber wegen der offenen Seiten sowieso wetterfest ausgeführt sein. Das würde den Freiluft-Gartenbahn-Charakter noch besser hervorheben, der eigentlich ein schöner Kontrast zum Hamburger MiWuLa ist.

Fazit

Am Ende ist die Modellbauwelt für die Modellbahn-Laien unter uns möglicherweise ein schöner Nebenpunkt im Urlaub oder auf der Durchreise (die bessere Hälfte und die Kinder waren durchaus für einige Zeit amüsiert). Wer aber mehr echte Modellbahn wie beim →MiWuLa oder sogar epochen- und betriebsgerechten Realismus wie bei der →Modellbundesbahn sucht, sollte sich das nicht ganz günstige Geld fürs Ticket lieber sparen.
Mal abgesehen davon, dass die Angaben “500 Züge auf der Anlage” oder “20km Gleislänge” eher sinnfrei sind, sucht man auf den Abschnitten selbst ein Zehntel davon vergeblich. Zwar ist die Anzahl von 3-4 Zügen pro Abschnitt (in Summe also ca. 60 Züge) völlig in Ordnung, aber kaum ein Zug passt zur Landschaft… oder eben nur mal zufällig.

Ausblick

Die Modellbauwelt hat gerade erst eröffnet, und ca. ein Drittel der Ausstellungsfläche ist noch im Bau. Hier ist offenbar bald mehr zu erwarten:

Mit ein bißchen echtem Modellbahnbetrieb, z.B. in (durchaus vorhandenen) Bahnhöfen haltenden Zügen, mehr Sorgfalt bei der Auswahl der Zuggarnituren sowie vielleicht ein paar (betriebsfähigen?) Signalen, könnte man der Bahn hier mehr abgewinnen. Wohl nicht ganz unabsichtlich heisst die Ausstellung aber auch Modellbauwelt und man bekommt, was man bezahlt hat: vorwiegend Landschafts- und Häusermodellbau, und das mit “der wirklich grössten Modelleisenbahn des Planeten”, wie die Werbung vollmundig verspricht. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Sehen wir mal, ob sich in den nächsten Jahren hier noch mehr ergibt oder es schlicht bei dieser spielzeughaften Modellbahn bleibt. Potential für mehr wäre auf jeden Fall vorhanden.


Weitere Links zum Thema

Videobericht des NDR (25.06.2020)

Videobericht DoktorRail (7.8.2020)

Videobericht in Sat1 (28.10.2019)



Eine Antwort zu “Die Modellbauwelt Bispingen”

  1. Bernd Edeler sagt:

    gut zu wissen

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